Termine

14.02.2025
Wandel-Hallen: Kunstverein Reutlingen 20:00 Uhr
Konzert im Rahmen der Reihe musica nova Vokaloktett Karlsruhe und Leonie Klein (Marimba)   mehr
13.06.2025
Konzert mit Uraufführungen von Werken aus der Kompositionsklasse Markus Hechtle
Wolfgang-Rihm-Forum Musikhochschule Karlsruhe   mehr




Kritik zum Konzert beim Kunstverein Reutlingen


„musica nova“ – Volles Haus

Von Susanne Eckstein
Erschienen am 15.02.2025 08:40

Eine Erst- und eine Uraufführung von Werken Veit Erdmanns mit der Perkussionistin Leonie Klein und dem Vokaloktett Karlsruhe in den Wandel-Hallen


REUTLINGEN. Eigentlich locken ja alle Konzerte der Reutlinger musica-nova-Reihe mit hochkarätigen Interpreten; doch die Zahl der Besucher ist meist überschaubar. Ganz anders an diesem Freitagabend: Obwohl die große Fläche in der Etage des (zum ersten Mal) gastgebenden Kunstvereins Reutlingen im 1. Stock der Wandel-Hallen gut bestuhlt ist, müssen für das zahlreich anströmende Publikum zusätzliche Sitzgelegenheiten organisiert werden.
Es wird auch einiges geboten: Eine Erst- und eine Uraufführung von Werken Veit Erdmanns sowie als Interpreten die Perkussionistin Leonie Klein und das Vokaloktett Karlsruhe. Dieses ist aus Studenten der dortigen Musikhochschule hervorgegangen; zwei Reutlinger singen Bass: Sebastian Schäfer und Florian Hartmann, der durchs Programm führt. Die Werkfolge wechselt zwischen den Polen Vokalmusik und Kompositionen für Schlagwerk, von denen je zwei zusammengefasst werden.
Den Anfang macht das Vokaloktett mit Hugo Distlers „Vorspruch“ („Wer sich die Musik erkiest“) aus dessen Mörike-Chorliederbuch von 1939: Die je vier bestens geschulten Frauen- und Männerstimmen hüllen, im Halbkreis postiert, die Lauschenden in einen natürlichen und lupenreinen a-cappella-Raumklang. Dem folgt der erste Teil einer Programm-Klammer in Form des Anfangs- und Endsatzes aus einer Missa brevis, 2015 komponiert von dem im Vorjahr verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm.
Hier erlebt man die Crux der „neutönerischen“ Vertonung alter Texte: Die Neue Musik will sich zwar weitestmöglich von der Konvention entfernen, muss sich aber notgedrungen an die Textworte halten und die begrenzten Möglichkeiten der menschlichen Stimme beachten. So auch im „Kyrie“ von Wolfgang Rihm: Die extrem dissonanten Tonverbindungen der Anrufung fordern die Singenden bis zum Äußersten, gelingen jedoch bemerkenswert tonschön und sicher.
Der Abend ist generell geprägt von geistlicher Vokalmusik; auch die neueren Werke des Reutlinger Komponisten (und früheren musica-nova-Leiters) Veit Erdmann-Abele fallen in dieses Genre. Zunächst der „Sonnengesang“ nach Franz von Assisi in einer eigenen Bearbeitung für Vokaloktett und Marimba: Hier hat sich Veit Erdmann von der frühen Mehrstimmigkeit inspirieren lassen und eine sinnfällige, klar gegliederte Neuvertonung geschaffen; sie steigert analog zum Lauf der Sonne den Chorklang vom schlichten Unisono bis zur vielfarbigen Achtstimmigkeit und nimmt ihn wieder zurück, belebt durch den Puls und die sprechenden Soloeinlagen der wie Glocken tönenden Marimba. Das Vokaloktett und Leonie Klein beeindrucken mit einer kongenialen, zugleich meditativen und vitalen Umsetzung.
Arnold Schönberg gilt als maßgeblicher Begründer der „Neuen Musik“. Bei dem folgenden Volksliedsatz „Schein uns liebe Sonne“ (aus op. 49 von 1928) ließ er jedoch alle Zwölftontheorie beiseite und folgte dem Vorbild Brahms – das Ergebnis ist ein beinahe konventionelles, doch in seiner differenzierten Klangschönheit vorbildlich vorgetragenes Chorlied.
Instrumentale zeitgenössische Musik kann viel weiter gehen als Vokalmusik. Das zeigt hier die Perkussionistin Leonie Klein, die mit unglaublicher Präsenz und Präzision neuere Werke für Schlagwerk vorstellt: „Rebonds b“ für Setup (drei unterschiedliche Trommeln und Tempelblocks) von Iannis Xenakis mit seinen melodischen, minimal verlagerten patterns, die mit einer krachenden Explosion beginnen und nach einem Feuerwerk der Virtuosität mit Jubel quittiert werden, sowie die „Asventuras“ (Abenteuer) für Snare Drum von Alexej Gerassimez. Hier erkundet sie mit dem Komponisten die Möglichkeiten der konventionellen kleinen Trommel: mit unterschiedlichen Schlägeln und Besen, mit den Händen, am Rand, am Gehäuse, auf dem Fell; komplett auswendig, ein rhythmisches Feuerwerk aus Ticken, Pochen, Krachen, Wirbeln.
Im zweiten Teil präsentiert sie die „Chirping Birds“ von Dai Fujikura mit flinken Fingern auf blechernen Handzimbeln, ergänzt durch zwitschernde Vogelflöten, sowie als mächtiges Gegenstück „Thunder“ für eine Basspauke von Peter Eötvös. Hier wird die Pauke mit Hilfe des Pedals in ein Melodieinstrument verwandelt; Leonie Klein spielt das vermeintlich schwerfällige Gerät genauso virtuos wie die zierlichen Zimbeln als entdeckungsfreudige Klang-Erkunderin zwischen Konvention und Innovation.
Die Vokalmusik geht im zweiten Teil weiter mit „Die Stimme des Kindes“ von Jaakko Mäntyjärvi, einer sensiblen Gedichtvertonung nach Nikolaus Lenau, poetischer Vokalkunst erster Güte in herber, reicher Harmonik; gefolgt von einem neuen Stück von Yangkai Lin, Mitglied einer Kompositionsklasse der Karlsruher Musikhochschule und im Auditorium mit dabei, das als „Epilog“ ein expressives, bildreiches Gedicht in einer ebenso vielseitigen Klangsprache vertont.
Den Schwerpunkt vor dem späten Ende des Programms bildet eine Uraufführung: Veit Erdmann-Abeles „Alle Geschöpfe der Erde“, ein Auftragswerk für das Vokaloktett Karlsruhe, das die Thematik des Sonnengesangs und dessen klare Struktur in dicht geschichteten Akkorden und ausdrucksvoller Textdeutung weiterführt, erneut kongenial lupenrein und sensibel umgesetzt durch die acht Sängerinnen und Sänger.
Beschlossen wird der Abend durch den zweiten Teil der Klammer: Rihms „Agnus Dei“ aus seiner Missa brevis und einer beunruhigend fragmentierten und mit sprechenden Pausen unterbrochenen Friedensbitte. Großer, anhaltender Jubel würdigt eine herausragende Aufführung, Mitwirkende und Komponisten.


Quelle: https://cul-tu-re.de/musica-nova-volles-haus/